A B C D E F
G H I J K L M 

Total read books on site:
more than 10 000

You can read its for free!


Text on one page: Few Medium Many
.







Peter Schlemihls

wundersame Geschichte.

Mitgeteilt

von

Adelbert von Chamisso.



Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.



* * * * *


An meinen alten Freund Peter Schlemihl.


Da fällt nun deine Schrift nach vielen Jahren
Mir wieder in die Hand, und -- wundersam! --
Der Zeit gedenk' ich, wo wir Freunde waren,
Als erst die Welt uns in die Schule nahm.
Ich bin ein alter Mann in grauen Haaren,
Ich überwinde schon die falsche Scham,
Ich will mich deinen Freund wie eh'mals nennen
Und mich als solchen vor der Welt bekennen.

Mein armer, armer Freund, es hat der Schlaue
Mir nicht, wie dir, so übel mitgespielt;
Gestrebet hab' ich und gehofft ins Blaue,
Und gar am Ende wenig nur erzielt;
Doch schwerlich wird berühmen sich der Graue,
Daß er mich jemals fest am Schatten hielt;
Den Schatten hab' ich, der mir angeboren,
Ich habe meinen Schatten nie verloren.

Mich traf, obgleich unschuldig wie das Kind,
Der Hohn, den sie für deine Blöße hatten. --
Ob wir einander denn so ähnlich sind?! --
Sie schrien mir nach: Schlemihl, wo ist dein Schatten?
Und zeigt' ich den, so stellten sie sich blind
Und konnten gar zu lachen nicht ermatten.
Was hilft es denn! man trägt es in Geduld,
Und ist noch froh, fühlt man sich ohne Schuld.

Und was ist denn der Schatten? möcht' ich fragen,
Wie man so oft mich selber schon gefragt,
So überschwenglich hoch es anzuschlagen,
Wie sich die arge Welt es nicht versagt?
Das gibt sich schon nach neunzehntausend Tagen,
Die, Weisheit bringend, über uns getagt;
Die wir dem Schatten _Wesen_ sonst verliehen,
Sehn Wesen jetzt als _Schatten_ sich verziehen.

Wir geben uns die Hand darauf, Schlemihl,
Wir schreiten zu und lassen es beim alten;
Wir kümmern uns um alle Welt nicht viel,
Es desto fester mit uns selbst zu halten;
Wir gleiten so schon näher unserm Ziel,
Ob jene lachten, ob die andern schalten,
Nach allen Stürmen wollen wir im Hafen
Doch ungestört gesunden Schlafes schlafen.

_Berlin_, August 1834.




An Julius Eduard Hitzig von Adelbert von Chamisso.


Du vergissest niemanden, du wirst dich noch eines gewissen _Peter
Schlemihls_ erinnern, den du in früheren Jahren ein paarmal bei mir
gesehen hast, ein langbeiniger Bursch', den man ungeschickt glaubte,
weil er linkisch war, und der wegen seiner Trägheit für faul galt. Ich
hatte ihn lieb -- du kannst nicht vergessen haben, _Eduard_, wie er uns
einmal in unsrer grünen Zeit durch die Sonette lief, ich brachte ihn mit
auf einen der poetischen Tees, wo er mir noch während des Schreibens
einschlief, ohne das Lesen abzuwarten. Nun erinnere ich mich auch eines
Witzes, den du auf ihn machtest. Du hattest ihn nämlich schon, Gott weiß
wo und wann, in einer alten schwarzen Kurtka gesehen, die er freilich
damals noch immer trug, und sagtest: »Der ganze Kerl wäre glücklich zu
schätzen, wenn seine Seele nur halb so unsterblich wäre, als seine
Kurtka.« -- So wenig galt er bei euch. -- Ich hatte ihn lieb. -- Von
diesem _Schlemihl_ nun, den ich seit langen Jahren aus dem Gesicht
verloren hatte, rührt das Heft her, das ich dir mitteilen will. -- Dir
nur, _Eduard_, meinem nächsten, innigsten Freunde, meinem beßren Ich, vor
dem ich kein Geheimnis verwahren kann, teil' ich es mit, nur dir und, es
versteht sich von selbst, unserm _Fouqué_, gleich dir in meiner Seele
eingewurzelt -- aber in ihm teil' ich es bloß dem Freunde mit, nicht dem
Dichter. -- Ihr werdet einsehen, wie unangenehm es mir sein würde, wenn
etwa die Beichte, die ein ehrlicher Mann im Vertrauen auf meine
Freundschaft und Redlichkeit an meiner Brust ablegt, in einem
Dichterwerke an den Pranger geheftet würde, oder nur wenn überhaupt
unheilig verfahren würde, wie mit einem Erzeugnis schlechten Witzes, mit
einer Sache, die das nicht ist und sein darf. Freilich muß ich selbst
gestehen, daß es um die Geschichte schad' ist, die unter des guten
Mannes Feder nur albern geworden, daß sie nicht von einer geschickteren
fremden Hand in ihrer ganzen komischen Kraft dargestellt werden kann. --
Was würde nicht _Jean Paul_ daraus gemacht haben! -- Übrigens, lieber
Freund, mögen hier manche genannt sein, die noch leben; auch das will
beachtet sein. --

Noch ein Wort über die Art, wie diese Blätter an mich gelangt sind.
Gestern früh bei meinem Erwachen gab man sie mir ab -- ein wunderlicher
Mann, der einen langen grauen Bart trug, eine ganz abgenützte schwarze
Kurtka anhatte, eine botanische Kapsel darüber umgehangen, und bei dem
feuchten, regnichten Wetter Pantoffeln über seine Stiefel, hatte sich
nach mir erkundigt und dieses für mich hinterlassen; er hatte aus Berlin
zu kommen vorgegeben. -- -- --

_Kunersdorf_, den 27. September 1813.

_Adelbert von Chamisso_.

#P. S.# Ich lege dir eine Zeichnung bei, die der kunstreiche _Leopold_, der
eben an seinem Fenster stand, von der auffallenden Erscheinung entworfen
hat. Als er den Wert, den ich auf diese Skizze legte, gesehen hat, hat
er sie mir gerne geschenkt.[1]




An Ebendenselben von Fouqué.


Bewahren, _lieber Eduard_, sollen wir die Geschichte des armen _Schlemihl_,
dergestalt bewahren, daß sie vor Augen, die nicht hineinzusehen haben,
beschirmt bleibe. Das ist eine schlimme Aufgabe. Es gibt solcher Augen
eine ganze Menge, und welcher Sterbliche kann die Schicksale eines
Manuskriptes bestimmen, eines Dinges, das beinah noch schlimmer zu hüten
ist als ein gesprochenes Wort. Da mach' ich's denn wie ein
Schwindelnder, der in der Angst lieber gleich in den Abgrund springt:
ich lasse die ganze Geschichte drucken.

Und doch, _Eduard_, es gibt ernstere und bessere Gründe für mein Benehmen.
Es trügt mich alles oder in unserm lieben Deutschland schlagen der
Herzen viel, die den armen _Schlemihl_ zu verstehen fähig sind und auch
wert, und über manch eines echten Landsmannes Gesicht wird bei dem
herben Scherz, den das Leben mit ihm, und bei dem arglosen, den er mit
sich selbst treibt, ein gerührtes Lächeln ziehn. Und du, mein _Eduard_,
wenn du das grundehrliche Buch ansiehst und dabei denkst, daß viele
unbekannte Herzensverwandte es mit uns lieben lernen, fühlst auch
vielleicht einen Balsamtropfen in die heiße Wunde fallen, die dir und
allen, die dich lieben, der Tod geschlagen hat.

Und endlich: es gibt -- ich habe mich durch mannigfache Erfahrung davon
überzeugt -- es gibt für die gedruckten Bücher einen Genius, der sie in
die rechten Hände bringt und, wenn nicht immer, doch sehr oft die
unrechten davon abhält. Auf allen Fall hat er ein unsichtbares
Vorhängschloß vor jedwedem echten Geistes- und Gemütswerke und weiß mit
einer ganz untrüglichen Geschicklichkeit auf- und zuzuschließen.

Diesem Genius, mein sehr lieber _Schlemihl_, vertraue ich dein Lächeln und
deine Tränen an, und somit Gott befohlen!

_Nennhausen_, Ende Mai 1814.

_Fouqué_.




An Fouqué von Hitzig.


Da haben wir denn nun die Folgen deines verzweifelten Entschlusses, die
Schlemihlshistorie, die wir als ein bloß _uns_ anvertrautes Geheimnis
bewahren sollten, drucken zu lassen, daß sie nicht allein Franzosen und
Engländer, Holländer und Spanier übersetzt, Amerikaner aber den
Engländern nachgedruckt, wie ich dies alles in meinem gelehrten Berlin
des breiteren gemeldet; sondern daß auch für unser liebes Deutschland
eine neue Ausgabe, mit den Zeichnungen der englischen, die der berühmte
_Cruikshank_ nach dem Leben entworfen, veranstaltet wird, wodurch die
Sache unstreitig noch viel mehr herumkommt. Hielte ich dich nicht für
dein eigenmächtiges Verfahren (denn mir hast du 1814 ja kein Wort von
der Herausgabe des Manuskripts gesagt) hinlänglich dadurch bestraft, daß
unser _Chamisso_ bei seiner Weltumsegelei, in den Jahren 1815 bis 1818,
sich gewiß in Chili und Kamtschatka und wohl gar bei seinem Freunde, dem
seligen _Tameiamaia_ auf O-Wahu, darüber beklagt haben wird, so fordere
ich noch jetzt öffentlich Rechenschaft darüber von dir.

Indes -- auch hievon abgesehn -- geschehn ist geschehn und recht hast du
auch darin gehabt, daß viele, viele Befreundete in den dreizehn
verhängnisvollen Jahren, seit es das Licht der Welt erblickte, das
Büchlein mit uns liebgewonnen. Nie werde ich die Stunde vergessen, in
der ich es _Hoffmann_ zuerst vorlas. Außer sich vor Vergnügen und
Spannung, hing er an meinen Lippen, bis ich vollendet hatte; nicht
erwarten konnte er, die persönliche Bekanntschaft des Dichters zu machen
und, sonst jeder Nachahmung so abhold, widerstand er doch der Versuchung
nicht, die Idee des verlornen Schattens in seiner Erzählung: Die
Abenteuer der Silvesternacht,[2] durch das verlorne Spiegelbild des
Erasmus Spikher, ziemlich unglücklich zu variieren. Ja -- unter die
Kinder hat sich unsre wundersame Historie ihre Bahn zu brechen gewußt;
denn als ich einst, an einem hellen Winterabend, mit ihrem Erzähler die
Burgstraße hinaufging und er einen über ihn lachenden, auf der
Glitschbahn beschäftigten Jungen unter seinen dir wohlbekannten
Bärenmantel nahm und fortschleppte, hielt dieser ganz stille; da er aber
wieder auf den Boden niedergesetzt war und in gehöriger Ferne von den,
als ob nichts geschehen wäre, Weitergegangenen, rief er mit lauter
Stimme seinem Räuber nach: »Warte nur, Peter Schlemihl!«

So, denke ich, wird der ehrliche Kauz auch in seinem neuen, zierlichen
Gewande viele erfreuen, die ihn in der einfachen Kurtka von 1814 nicht
gesehen; diesen und jenen aber es außerdem noch überraschend sein, in
dem botanisierenden, weltumschiffenden, ehemals wohlbestallten königlich
preußischen Offizier, auch Historiographen des berühmten Peter
Schlemihl, nebenher einen Lyriker kennen zu lernen,[3] der, er möge
malaiische oder litauische Weisen anstimmen, überall dartut, daß er das
poetische Herz auf der rechten Stelle hat.

Darum, lieber Fouqué, sei dir am Ende denn doch noch herzlich gedankt
für die Veranstaltung der ersten Ausgabe, und empfange mit unsern
Freunden meinen Glückwunsch zu dieser zweiten.

_Berlin_, im Januar 1827.

_Eduard Hitzig_.


Fußnoten:

[1] Das hier erwähnte Bild befand sich bei den ersten Ausgaben des
Schlemihl.

[2] Phantasiestücke in Callots Manier, im letzten Teil.



Pages: | 1 | | 2 | | 3 | | 4 | | 5 | | 6 | | 7 | | 8 | | 9 | | 10 | | 11 | | 12 | | 13 | | 14 | | Next |

N O P Q R S T
U V W X Y Z 

Your last read book:

You dont read books at this site.