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THOMAS MORUS

UTOPIA


Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig




LIBELLUS VERE AUREUS NEC
minus salutaris quam festivus de optimo reip.
statu, deque nova Insula Utopia autore clarissimo
viro Thoma Moro inclutae civitatis
Londinensis cive & vicecomite cura M. Petri
Aegidii Antverpiensis, & arte Theodorici
Martini Alustensis, Typographi almae
Lovaniensium Academiae nunc
primum accuratissime
editus.


Cum gratia & privilegio.


Titel der Erstausgabe aus dem Jahre 1516




VORREDE

zu dem Werke über den besten Zustand des Staates


Thomas Morus grüßt seinen Peter Ägid aufs herzlichste.

Fast schäme ich mich, mein liebster Peter Ägid, daß ich Dir dies
Büchlein über den Staat von Utopien erst nach beinahe einem Jahre
schicke. Hast Du es doch ohne Zweifel innerhalb von anderthalb Monaten
erwartet, da mir ja, wie Du wußtest, bei diesem Werke die Mühe der
Erfindung des Stoffes abgenommen war und ich mir auch in betreff der
Gliederung nichts auszudenken brauchte. Denn ich hatte nur das
wiederzugeben, was ich mit Dir zusammen Raphael gerade so hatte erzählen
hören. Deshalb lag auch kein Anlaß vor, mich hinsichtlich des Stiles
abzumühen. Raphael konnte sich ja gar nicht gesucht ausdrücken; denn
erstens sprach er, ohne daß er es vorher wußte und sich vorbereiten
konnte, sodann ist er, wie Du weißt, im Lateinischen nicht so zu Hause
wie im Griechischen, und schließlich kommt meine Rede der Wahrheit um so
näher, je mehr sie sich seiner nachlässigen und schlichten
Ausdrucksweise nähert, und um die Wahrheit allein muß und will ich mich
bei dieser Sache kümmern.

Ich gebe denn auch zu, mein Peter, das, was ich vorfand, hatte mir so
viel Arbeit abgenommen, daß fast nichts mehr zu tun übrigblieb.
Andernfalls hätte ja auch Erfindung oder Gliederung des Stoffes nicht
wenig Zeit und Studium eines nicht unbedeutenden und recht gelehrten
Geistes erfordert. Würde man nun nicht bloß eine der Wahrheit
entsprechende, sondern auch geschmackvolle Darstellung verlangen, so
hätte ich das nicht leisten können, auch wenn ich all meine Zeit und all
meinen Eifer aufgewendet hätte. So aber, da diese Schwierigkeiten
wegfielen, die zu bewältigen viel Schweiß gekostet hätte, blieb einzig
und allein die einfache Aufzeichnung dessen übrig, was ich gehört hatte,
und das war wirklich keine Arbeit mehr. Aber selbst zur Erledigung
dieser so unbedeutenden Arbeit ließen mir meine übrigen Geschäfte fast
noch weniger als keine Zeit. Nehmen mich doch dauernd meine
Gerichtssachen in Anspruch. Bald führe ich einen Prozeß, bald bin ich
Beisitzer, bald schlichte ich einen Handel als Schiedsrichter, bald
entscheide ich einen anderen als Richter, bald besuche ich diesen in
einer amtlichen, bald jenen in einer geschäftlichen Angelegenheit.
Während ich so fast den ganzen Tag außerhalb meines Hauses fremden
Leuten und nur den Rest meinen Angehörigen widme, kann ich für mich,
d. h. für meine Studien, nichts erübrigen. Denn komme ich nach Hause, so
muß ich mit meiner Frau plaudern, mit den Kindern schwatzen und mit dem
Gesinde sprechen. Alles das rechne ich zu meinen Pflichten, weil es
erledigt werden muß. Es muß aber erledigt werden, wenn man nicht in
seinem eigenen Hause ein Fremdling sein will. Man muß sich überhaupt
Mühe geben, so liebenswürdig wie möglich zu denen zu sein, die einem die
Natur als Begleiter auf dem Lebenswege vorgesehen oder die der Zufall
oder eigene Wahl dazu gemacht hat. Nur darf man sie nicht durch
Leutseligkeit verderben und die Diener nicht durch Nachsicht zu seinen
Herren werden lassen. Über dem, was ich angeführt habe, geht ein Tag,
geht ein Monat, geht ein Jahr hin. Wann also komme ich da zum Schreiben?
Und dabei habe ich noch gar nicht vom Schlafen gesprochen und auch noch
nicht einmal vom Essen, das bei vielen Leuten nicht weniger Zeit in
Anspruch nimmt als der Schlaf, der fast die Hälfte der Lebenszeit für
sich beansprucht. Aber für mich gewinne ich nur so viel Zeit, wie ich
mir vom Schlafen und Essen abstehle. Weil das nur wenig ist, so habe ich
die Utopia auch nur langsam fertiggebracht; weil es aber immerhin etwas
ist, so ist sie doch nun endlich fertig geworden, und ich schicke sie
Dir zu, damit Du sie liest und mich darauf aufmerksam machst, falls mir
etwas entgangen sein sollte. Nun habe ich freilich in dieser Beziehung
ziemlich viel Zutrauen zu mir -- ich wollte, mit meinem Geiste und mit
meinem Wissen stünde es ebenso wie mit meinem Gedächtnis, das mich nur
manchmal im Stiche läßt --, doch ist mein Zutrauen nicht so groß, daß
ich annehmen dürfte, mir könnte nichts entfallen sein. Denn auch mein
Famulus, Johannes Clemens, hat mich sehr bedenklich gestimmt. Wie Du ja
wohl weißt, war er damals dabei, und ich lasse ihn an jeder Unterhaltung
teilnehmen, aus der er etwas lernen kann; denn von diesem Schößling, der
im Lateinischen wie im Griechischen zu grünen begonnen hat, erhoffe ich
dereinst einen guten Ertrag. Soviel ich mich nämlich erinnere, hat
Hythlodeus erzählt, jene Brücke von Amaurotum über den Fluß Anydrus sei
500 Doppelschritte lang. Mein Johannes aber meinte, man müsse 200
abziehen; der Fluß sei dort nicht breiter als 300 Doppelschritte.
Besinne Dich doch bitte noch einmal darauf! Wenn Du nämlich der gleichen
Meinung bist wie Johannes, so will auch ich zustimmen und einen Irrtum
meinerseits annehmen. Solltest Du aber selbst Dich nicht mehr besinnen
können, so bleibt stehen, worauf ich mich selbst zu besinnen glaube.
Wenn ich mich nämlich auch vor jeder falschen Angabe in dem Buche streng
hüten will, so ziehe ich doch in Zweifelsfällen die Unwahrheit der Lüge
vor, weil ich Tugend höher schätze als Klugheit. Freilich wäre dieser
Schaden leicht zu heilen, wenn Du Raphael selbst mündlich oder
schriftlich fragen wolltest. Das mußt Du sowieso tun wegen eines anderen
Bedenkens, das uns gekommen ist, ich weiß nicht, ob mehr durch meine
oder Deine oder Raphaels eigene Schuld. Denn weder ist es uns in den
Sinn gekommen, danach zu fragen, noch ihm, es uns zu sagen, in welcher
Gegend jenes neuen Erdteils Utopia liegt. Wahrhaftig, wie gern würde ich
mit etwas Geld von mir diese Unterlassung ungeschehen machen! Denn
erstens schäme ich mich ein wenig, nicht zu wissen, in welchem Meere die
Insel liegt, von der ich so viel zu berichten weiß; sodann aber gibt es
bei uns den einen und den anderen, vor allem aber einen frommen
Theologen von Beruf, der darauf brennt, Utopia zu besuchen, nicht aus
eitlem und neugierigem Verlangen, Neues zu sehen, sondern um die
verheißungsvollen Keime unserer Religion dort zu pflegen und noch zu
vermehren. Um dabei ordnungsgemäß zu verfahren, hat er beschlossen, sich
vorher einen Missionsauftrag vom Papste zu verschaffen und sich von den
Utopiern sogar zum Bischof wählen zu lassen. Dabei stört es ihn durchaus
nicht, daß er sich um dieses Vorsteheramt erst bewerben müßte.
Allerdings ist sein Ehrgeiz, wie er meint, deshalb gottgefällig, weil er
nicht durch Rücksicht auf Ehre oder Gewinn, sondern durch Rücksicht auf
die Religion bedingt ist.

Deshalb wende Dich, mein Peter, ich bitte Dich darum, entweder mündlich,
wenn es Dir ohne Umstände möglich ist, oder brieflich an Hythlodeus und
sorge dafür, daß in diesem meinen Werke nichts Falsches steht oder
nichts Wahres vermißt wird. Und vielleicht ist es besser, ihm das Buch
selbst zu zeigen. Einerseits nämlich ist niemand anders ebenso imstande,
einen etwaigen Irrtum zu berichtigen, anderseits kann er das selbst auch
nur, wenn er durchliest, was ich geschrieben habe. Außerdem wirst Du auf
diese Weise merken, ob er damit einverstanden ist, daß ich dieses Buch
schreibe, oder ob er ärgerlich darüber ist. Falls er sich nämlich
vorgenommen hat, seine Abenteuer selbst aufzuzeichnen, so möchte er
vielleicht nicht -- und ich bestimmt auch nicht --, daß ich ihm Duft und
Reiz seiner Erzählung im voraus wegnehme, indem ich den Staat Utopia
allgemein bekanntwerden lasse. Allerdings bin ich, wenn ich ganz offen
sein soll, auch mir selber noch nicht recht im klaren, ob ich das Buch
überhaupt erscheinen lasse. Denn der Geschmack der Menschen ist so
verschieden, und manche sind so eigensinnig, so undankbar und so
unsinnig in ihrem Urteil, daß offenbar die Leute viel glücklicher sind,
die in Freude und Frohsinn ihr eigenes Ich befriedigen, als diejenigen,
die sich zermürben in dem Bestreben, etwas zu veröffentlichen, was für
andere, die wählerisch oder undankbar sind, ein Nutzen oder ein
Vergnügen sein könnte. Die meisten haben keinen Sinn für literarische
Dinge; viele verachten sie; ein Barbar lehnt alles als schwer ab, was
nicht gänzlich barbarisch ist; gelehrte Pedanten verschmähen alles als
abgegriffen, was nicht von veralteten Ausdrücken strotzt; manchen
gefällt nur das Alte, den meisten nur das eigene Wissen. Dieser ist so
mürrisch, daß er von Scherzen nichts wissen will, dieser wieder so fade,
daß er keine Witze verträgt; manche sind so plattnasig, daß sie jedes
Naserümpfen scheuen wie ein von einem tollen Hund Gebissener das Wasser,
andere wieder sind so wetterwendisch, daß sie im Sitzen etwas anderes
gelten lassen als im Stehen. Manche sitzen in den Kneipen, urteilen am
Biertisch über die Talente der Schriftsteller und verurteilen sie mit
großem Nachdruck, ganz wie es ihnen beliebt, indem sie einen jeden in
seinen Schriften gleichsam beim Schopfe nehmen und ihn zausen, wobei sie
selbst aber vor der Hand in Sicherheit und, wie man so sagt, weit vom
Schuß sind. Denn rundum sind sie so glatt und kahlgeschoren, daß sie
auch nicht ein Härchen eines guten Mannes an sich haben, an dem man sie
fassen könnte.



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